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Von der Massenpanik zur Realität

Wenn bei einer Veranstaltung viele Menschen zu Schaden kommen ist das Wort „Massenpanik“ oftmals nicht weit entfernt. Sei es nun bei der Love Parade in Duisburg (2010), dem Endspiel des Europapokals der Landesmeister im Heysel-Stadion (1985), beim Air & Style in Innsbruck (1999) oder dem Haddsch (2015).

Massenpanik und die Medien

Oftmals wird dargestellt, wie Menschen über andere hinwegsteigen und diese zu Tode trampeln. Die erschreckenden Bilder der Unglücksorte lassen den Schluss zu, dass Panik bzw. Massenpanik ein durchaus häufig auftretendes Phänomen darstellt und impliziert ein unkontrolliertes, rücksichtsloses Verhalten von Menschen, dem vor allem in der Veranstaltungssicherheitsplanung und hier im speziellen bei einer potentiellen Evakuierung Rechnung getragen werden muss.

Massenpanik und die Wissenschaft

Das Konstrukt der Massenpanik lässt sich bis hin zu Gustav Le Bon’s sozialpsychologischem Werk „Psychologie der Massen“ (1895) zurückführen indem einer größere Menschenmenge u.A. die Attribute willenlos, aggressiv, leichtgläubig, impulsiv und irrational zugeschrieben wird. Das Individuum innerhalb einer Menschenmenge verschmilzt gänzlich mit der Masse und sei unfähig, individuelle Entscheidungen zu treffen.

Bereits zu Le Bon’s Lebzeiten wurde Kritik an seinen Ausführungen laut. Dennoch halten sich viele dieser Mythen bis zur heutigen Zeit. Zahlreiche Studien (u.A. der Tragödien beim Beverly Hills Supper Club, im Summerland Leisure Complex, bei der Love Parade Duisburg, der Terroranschläge in London und die Evakuierung des World Trade Center) belegen jedoch ein gänzlich anderes Bild von menschlichen Verhaltensweisen in einer Menge und Notfällen.

So konnte z.B. gezeigt werden, dass die überwiegende Mehrheit der Personen auch in lebensbedrohlichen Situationen durchaus zu koordiniertem, strukturiertem und hilfsbereitem Handeln neigt und sich somit gänzlich konträr zu obigen Mythen und medialen Darstellung verhält. Panik bzw. panikartiges Verhalten konnte, wenn überhaupt, nur in einem sehr geringen Ausmaß (< 1 %) festgestellt werden. Dies bedeutet, dass nicht Panik (psychologischer Effekt) sondern zu hoher Druck (physikalischer Effekt) der häufige Grund für Veranstaltungstragödien ist.

Einen Schritt weiter geht Herr Neil Townsend (vom London Fire Rescue Service) der konstatiert: „When people die in fires, it’s not because of panic, it’s more likely to be the lack of panic“. D.h. nicht Panik, sondern die Abwesenheit von Panik ist oftmals die Ursache von Todesopfern bei Bränden. Um darzustellen, was Herr Townsend damit meint muss kurz ausgeholt werden.

Warum der Glaube an die Massenpanik gefährlich ist

Der Glaube an die Existenz einer Massenpanik hat direkte Auswirkung auf die Räumungs- bzw. Evakuierungsplanung. Oftmals wird, um die BesucherInnen nicht „in Panik zu versetzen“ die Gefahr heruntergespielt, d.h. der wahre Grund für eine Räumung/Evakuierung wird nicht gesagt. Stattdessen werden möglichst neutrale (bzw. „langweilige“) Gründe für die durchzuführende Räumung erfunden „Aufgrund eines technischen Gebrechens“, „Aufgrund einer behördlichen Anweisung“. Darüber hinaus werden die Durchsagen möglichst monoton gesprochen.

Durch diese Vorgehensweise werden die anwesenden Personen jedoch der Möglichkeit beraubt, adäquat auf die Gefahr zu reagieren. Damit Menschen auf eine Notfallwarnung entsprechend reagieren muss die Warnung wahrgenommen, verstanden, als real identifiziert, auf sich bezogen und als relevant eingestuft werden. Nur dann werden die betroffenen Personen auf die Botschaft richtig reagieren. D.h. die Art der Räumungs- bzw. Evakuierungseinleitung hat maßgeblichen Einfluss auf deren Erfolg.

Ein Evakuierungsexperiment in einer Londoner U-Bahn-Station zeigte z.B., dass die Verwendung einer Alarmglocke gänzlich unzureichend ist (das Experiment musste nach 14 Minuten abgebrochen werden da niemand darauf reagierte). Die Verwendung eines Lautsprechersystems mit richtigem (!) Informationsinhalt und Wording hingegen zeigte sich in denselbem Setting als ausgesprochen effizient.

Wenn Menschen nun aber verzögert (bzw. gar nicht) auf ein Warnung reagieren geht u.U. lebensnotwendige Zeit verloren.

Eine Evakuierungsphase kann in zwei Hauptphasen eingeteilt werden. Die Prä-Evakuierungsphase (Zeit bis Menschen sich in Bewegung setzen) und die eigentliche Evakuierungsphase (Bewegungsphase). Durch eine fehlerhafte Evakuierungseinleitung wird die gewünschte Reaktion (das Areal zu verlassen) ausbleiben was die Prä-Evakuierungsphase maßgeblich verlängert.

Je später Menschen jedoch flüchten, desto weniger Zeit bleibt für die eigentliche Evakuierungsphase und es kann hoher (potentiell gefährlicher) Druck bei den Ausgängen entstehen. Durch die hohe Dichte an Personen pro Quadratmeter sinkt die mögliche Durchflussrate rapide bergab.

Diesen Umstand soll untenstehende Grafik veranschaulichen.

Durchflussmenge nach Personendichte

Je höher die Personendichte (X-Achse), desto geringer der mögliche Personenfluss je Meter je Minute (Y-Achse). Der höchste Wert wird bei ca. 2 Personen je Quadratmeter erreicht. Obiges Diagramm zeigt den möglichen Personenstrom bei einer Gehgeschwindigkeit von 1,34 Meter pro Sekunde.

Durch die Engstelle verdichten sich die Personen was die mögliche Gehgeschwindigkeit und somit den Durchfluss entsprechend reduziert. Nachkommende Personen können die Ursache für den verlangsamten Durchfluss nicht erkennen (in einer hohen Personendichte ist die Sichtweite sehr begrenzt) und beginnen, auf Grund der dringlichen Zeit, zu drücken. Dieser Druck wiederrum verdichtet die Personen innerhalb der Engstelle zusätzlich was zu einer weiteren Absenkung des Durchflusses (bis hin zum gänzlichen Stillstand bzw. zur Verstopfung des Ausganges) führt.

Zusätzlich erhöht sich in einer hohen Personendichte die Stolpergefahr maßgeblich. Sobald jedoch eine Person zu Sturz kommt können nachkommende Personen, aufgrund des hohen Drucks, nicht mehr ausweichen.  Sie sind gezwungen, über die am Boden liegende Person hinwegzusteigen um nicht zu riskieren, selbst zu stolpern und sich einer lebensbedrohlichen Situation auszusetzen. Das bedeutet aber auch, dass Menschen in einer Gefahrensituation nicht, wie oft medial dargestellt, andere Personen „rücksichtslos niedertrampeln“ sondern es bestand schlicht keine Ausweichmöglichkeit.

Zusammenfassung

Zusammenfassend wird festgehalten, dass Panik bzw. Massenpanik ein ausgesprochen seltenes Phänomen darstellt und das Verhalten von Menschen in Notfällen überwiegend als strukturiert, organisiert und hilfsbereit bezeichnet werden kann. Ein unterschätztes Problem im Zuge von Räumungen/Evakuierungen stellt die Prä-Evakuierungsphase dar. Um diese möglichst kurz zu halten und der eigentlichen Bewegungsphase mehr Zeit zu ermöglich ist die Wahl des richtigen Kommunikationsmittels inklusive adäquatem Informationsgehalt und Wording von größter Wichtigkeit. Diese Schritte können jedoch nicht Ad-hoc organisiert, sondern müssen bereits im Vorfeld im Zuge der Notfallplanung umfangreich durchdacht und geplant werden. Entsprechende Vorkehrungen verkürzen die Reaktionszeit, leiten Menschen, vermeiden hohe Dichten und können Tragödien verhindern.

 

Über den Autor

Martin Bardy MA, BEd, BA, MBA ist selbstständiger Unternehmensberater für Veranstaltungssicherheit (siflux) und erstellt für Agenturen, VeranstalterInnen, SicherheitsdienstleiterInnen, Venue-BetreiberInnen, etc. Sicherheitskonzepte, Crowd Management PläneNotfallpläne, Personenstromsimulationen und agiert als Sicherheitsberater gemäß ÖNORM EN 13200-8. Er absolvierte das Studium „Crowd Safety Management“ an der Buckinghamshire University (UK) mit der höchsten Auszeichnung „First-class honours“ als Jahrgangsbester. Seit 2014 lehrt er an verschiedenen Universitäten, Fachhochschulen und privaten Institutionen zu den Themen Veranstaltungssicherheit / Crowd Management. Darüber hinaus entwickelte und leitet er den universitären Lehrgang „Crowd Safety Management, CP“ an der Donau-Universität Krems.

 

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